Lateinamerika-Komitee bei Radio Free FM am 8.12.1997
Kolonialwarengeschichten Teil III: Bananen
Warum ist die Banane krumm und wen macht sie krumm?
Botanisches und Anbautechnisches
Anbaulaender das Beispiel Costa Rica
Der Markt in der Bundesrepublik Deutschland
1. Warum ist die Banane krumm und wen macht sie krumm?
Mit dieser knappen Frage wollen wir uns heute in der Stunde des Lateinamerika-Komitees bei Radio Free FM zwischen 17 und 18 Uhr beschaeftigen. Es geht unsalso in der heutigen aber auch noch in einigen weiteren Sendungen um Geschichten, scheinbar unspektakulaere, scheinbar alltaegliche Geschichten, es geht uns um Kolonialwarengeschichten. Geschichten von Gewuerzen und Bananen, Zucker und Kaffee, Hamburger und Holz, Brot und Oel. Kurz: Es geht uns um Produkte unseres taeglichen Lebens.
Nachdem wir uns in den letzten Wochen schon in zwei Sendungen mit dem Kaffee und mit dem Zucker beschaeftigt haben, geht es uns heute, wie gesagt, um die Banane. Woher kommt sie? Wann kam sie nach Europa und nach Deutschland? Wo und wie wird sie angebaut? Wie wird sie gehandelt? Eine Stunde also über Bananen und Bananenrepubliken...
2. Bedeutung der Kolonialwaren
Eines zunaechst vorweg:
Bei aller Verschiedenheit der geschichtlichen Hintergruende, bei aller Verschiedenheit der konkreten Ursachen der sog. "Unterentwicklung": die heutige Zweiteilung der Welt in eine noerdliche und in eine suedliche Hemisphaere ist ohne die koloniale Herrschaft, ist ohne die Entstehung industrieller Produktionsweisen nicht erklaerbar. Insofern hat Eduardo Galeano aus Uruguay sicherlich recht, wenn er meint,"die Unterentwicklung ist keine Phase der Entwicklung, sondern ihre Folge."
Galeano schreibt bezogen auf Lateinamerika weiter:
"Der Strom der Vermoegenswerte wurde so gelenkt, daß sie von den jenseits des Meeres aufsteigenden europaeischen Nationen angehaeuft werden konnten. Dies war die hauptsaechliche Mission, mit der die Pioniere gekommen waren, wenngleich sie die sterbenden Indianer fast ebenso haeufig mit dem Evangelium wie mit der Peitsche bedachten.
Waehrend des ganzen Prozesses, von der Etappe der Metalle bis zu der spaeteren der Nahrungsmittellieferungen, identifizierte sich jede Region Lateinamerikas mit dem, was sie produzierte, und sie produzierte das, was man in Europa von ihr erwartete: Jedes in die Frachtraeume der Galeonen, die den Ozean durchquerten, verladene Produkt wurde Schicksal und Bestimmung. Die internationale Arbeitsteilung, wie sie zusammen mit dem Kapitalismus aufstieg, aehnelte eher der Verteilung der Funktionen zwischen einem Reiter und einem Pferd... Die Maerkte der Kolonialwelt entwickelten sich als bloße Anhaengsel des internen Marktes des aufsteigenden Kapitalismus."Dies gilt auch und nicht zuletzt für die Bananen.
3. Botanisches und Anbautechnisches
Frueher hatten Bananen Seltenheitswert, waren für die Mehrheit der Bevoelkerung unerschwinglich. Heute sind sie ihres exotischen Flairs beraubt, sind sie Alltag und billige Selbstverstaendlichkeit in den Lebensmittelgeschaeften und Supermaerkten. Aber auch die Bananen sind ein Kolonialprodukt, sie sind sogar ein Beispiel besonderer Art, denn nicht umsonst ist der Begriff der "Bananenrepublik" sprichwoertlich geworden. Wie bei keinem anderen Kolonialprodukt ist die Geschichte der klassischen Bananenlaender Mittelamerikas mit der Geschichte des Bananenhandels und mit dem Aufstieg der großen US-Bananenkonzerne allen voran der United Fruit Company verwoben, ja identisch.
Die Banane gehoert zur kleinen Familie der Bananengewaechse und ist mit den Ingwergewaechsen verwandt. Ihre Fruechte sind die groeßten Beeren der Welt. Schon wenige Wochen nach der Pflanzung entwickeln sich die ersten Triebe. Kaum neun Monate spaeter hat die Staude ihre volle Hoehe von etwa vier bis sechs Metern erreicht, mit einer Blattkrone von fast sieben Metern im Durchmesser. Reihe für Reihe entwickeln sich die einzelnen sog. "Haende" am Bueschel mit jeweils 12 bis 16 Bananen, zuerst nach unten wachsend, bevor sie sich scheinbar der Sonne entgegendrehen und krumm werden. Ein ganzes Bueschel umfaßt etwa 10 bis 12 solcher "Haende", bei einem Gesamtgewicht von bis zu 50 kg. Nach der Ernte wird die Staude mit der Machete vollstaendig umgehackt. Im feucht-warmen Klima dient das zerhackte Pflanzenmaterial dem nachwachsenden Sproß als natuerliches Duengemittel. Allerdings laugen die bei Export-Bananen ueblichen hohen Hektarertraege von bis zu 50 Tonnen im Jahr auch den fruchtbarsten Boden so stark aus, daß kraeftiger zusaetzlicher Einsatz von Kunstduenger notwendig wird.
Wachstum und Reife der Bananen unterliegen keinem jahreszeitlichen Rhythmus. Sie brauchen lediglich ein gleichmaeßig warmes Klima, viel Sonne und reichlich Niederschlaege, um das ganze Jahr ueber geerntet werden zu können. Die besten Bedingungen in dieser Hinsicht bieten die zentralamerikanischen Laender. Aber auch Columbien und Ecuador bzw. in Asien die Philippinen produzieren und exportieren in großer Menge.Die Bananenstaude ist eine außerordentlich anfaellige Pflanze. Sie wird schnell durch Wind beschaedigt; außerdem ist sie, beguenstigt durch den großflaechigen monokulturellen Anbau, vielen Wurzel- und Blaetterkrankheiten ausgesetzt. Entsprechend ist der Einsatz chemischer Mittel hoch. In den Plantagen werden die heranwachsenden Bueschel schon fruehzeitig mit Plastikfolien umgeben, zum Schutz der Fruechte vor den tonnenweise eingesetzten Pestiziden und zum Schutz vor Voegeln, Insekten, Staub und anderen schaedlichen Einfluessen. Gleichzeitig bildet diese Verpackung ein ideales Mikroklima mit Waerme und Feuchtigkeitsstau.
Auch auf dem weiteren Weg der Banane ist eine sorgfaeltige Behandlung erforderlich. Die geschnittenen Bueschel werden an Seilbahnen haengend in die Verpackungsstationen transportiert. Dort werden die "Haende" von den Buescheln getrennt und in Wasserbassins gelegt. Bananenstauden enthalten viel Latex, Naturkautschuk. Im Wasserbad wird dieser austretende Saft abgespuelt. Beklebt mit Etiketten und verpackt in genormte Kartons von jeweils 40 US-amerikanischen Pfund Gewicht (ca. 18 kg), werden die Bananen dann mit Eisenbahnen oder LKW's zum Hafen gefahren, so schnell wie moeglich in die Frachtraeume der Kuehlschiffe verladen und mit einer sog. "Stillhaltetemperatur" von 13,7° Celsius auf die Reise in die Konsumentenlaender geschickt.
In speziellen Reifereien wird der Reifevorgang vier bis acht Tage lang durch Erhoehung der Temperatur auf 14,5° Celsius wieder aktiviert. Ein Fuehler zwischen den Bananen ermittelt staendig die Temperatur des Fruchtfleischs und gibt damit Auskunft über den Zustand der reifenden Banane. Insgesamt gibt es einige hundert verschiedene Arten von Bananen. Die meisten haben nur lokale Bedeutung und werden nicht exportiert. So etwa die Kochbanane, die gekocht, gebacken oder geroestet beispielsweise in ganz Lateinamerika Grundnahrungsmittel ist. Ueber 80% der Weltproduktion sind Kochbananen. Nur mit dem geringsten Teil also, den Obstbananen, werden weltweit die groeßten Geschäfte gemacht.
4. Kulturgeschichte der Banane
Die Banane ist eine der aeltesten Kulturpflanzen der Erde. Sie wird heute im gesamten sued- und suedostasiatischen Raum ebenso angebaut wie im tropischen Afrika und Amerika, mit gewissen Einschraenkungen auch in den Subtropen.
Der Ursprung der wildwachsenden Bananenstaude ist wohl Suedostasien. Schon frueh gibt es schriftliche Zeugnisse von der Banane als Kulturpflanze. Bereits im sechsten vorchristlichen Jahrhundert wird sie in buddhistischen Texten erwaehnt, ebenso in indischen Texten. Aus dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung ist die fruehe Beschreibung einer groeßeren, planmaeßig angelegten Bananenkultur ueberliefert, die von dem chinesischen Geschichtsschreiber Yang Fu stammt. Und nach einer Sage aus Ceylon (dem heutigen Sri Lanka) soll die Schlange Eva im Paradies mit einer Banane verfuehrt haben...
Vermutlich gegen 650 n.Chr. brachten indo-malayische oder arabische Haendler die Banane nach Aegypten und nach Palaestina. Durch arabische Elfenbein- und Sklavenjaeger wurde die Frucht zunaechst im ostafrikanischen Raum verbreitet, von dort aus über den gesamten afrikanischen Kontinent. Die Portugiesen schließlich, die Niederlassungen im westlichen Afrika besaßen, nahmen Bananenpflanzen mit zu den Kanarischen Inseln, wo sie bereits um 1400 die ersten Plantagen anlegten. Portugiesen waren es auch, die die Banane in die sog. "Neue Welt", nach Amerika, brachten. Nach ihren Plaenen sollte die Banane dort zum neuen Volksnahrungsmittel für die einheimische Bevoelkerung werden. In der Tat lernte die dortige Bevoelkerung schnell, die Pflanze zu kultivieren:
Von Santo Domingo aus verbreitete sie sich ueber die gesamte karibische Inselwelt, um anschließend auch das mittel- und suedamerikanische Festland zu erreichen. In ganz Europa waren Bananen zu dieser Zeit noch unbekannt. Dies sollte auch lange Zeit so bleiben, ließ sich doch die Banane aufgrund ihrer leichten Verderblichkeit nicht profitabel vermarktet werden.Erst zur Jahrhundert-Ausstellung der US-amerikanischen Unabhaengigkeit in Philadelphia 1876 wurden in den USA die ersten wenigen Bananen den erstaunten Besuchern angeboten. Dies war der Beginn einer rasanten Entwicklung: Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden 11 bis 16 Millionen Bueschel Bananen aus Zentralamerika in die USA importiert. Ihren letztlichen Aufstieg zum Welthandelsprodukt verdankt die Banane im wesentlichen drei Faktoren:
1. Der Entwicklung des Transportwesens, insbesondere des Eisenbahnbaus;
2. der wachsenden Kaufkraft der US-amerikanischen Bevoelkerung und
3. als Ergebnis dieser beiden Punkte ihrer intensiven Kultivierung in Form von Plantagenbewirtschaftung.
In Deutschland war die Banane allerdings auch um 1900 immer noch so gut wie unbekannt. Zwoelf Bueschel Bananen z.B., die 1902 in Bremen eintrafen, konnten nur schwer verkauft werden. Kaeufer und damit in der Folge auch Haendler blieben zurueckhaltend. Bananen, die zu dieser Zeit nach Mitteleuropa kamen, stammten ausschließlich von den Kanarischen Inseln. Um 1910 verkehrten die ersten Bananendampfer mit Kuehl- und Ventilationsmaschinen zwischen Las Palmas und England. Und erst von hier aus kam die Ware auf den Kontinent. Langsam stieg dann dort der Absatz: Wurden 1909 noch 750.000 Bueschel Bananen nach Deutschland eingefuehrt, so waren es 1913 schon 2,3 Millionen. Spaeter erfolgte die Berechnung nach Gewicht. Zwei Zahlen zum Vergleich: 147.000 Tonnen Importbananen 1937 standen 700.000 Tonnen im Jahre 1973 gegenueber.
Ueber viele Jahre hinweg waren Bananen das bei weitem wichtigste Frischobst im Welthandel. Seit den fruehen 70er Jahren haben Orangen und verwandte Fruechte allerdings ein schnelleres Wachstum zu verzeichnen mengen- wie wertmaeßig. Trotzdem sind die Bananen eines der wichtigsten Exportprodukte der Laender der "Dritten Welt" geblieben. Bei den weltweiten Agrarexporten standen Bananen in den 80er Jahren an zwoelfter Stelle, innerhalb der Gruppe tropischer Erzeugnisse sogar an fuenfter Stelle nach Zucker, Kaffee, Kakao und Kautschuk.
Die beiden bedeutendsten Anbaulaender sind Indien und Brasilien; sie produzieren allerdings fast ausschließlich für den Eigenbedarf. Groeßtes Bananen-Exportland der Welt ist Ecuador, gefolgt von Costa Rica, Columbien, Honduras und Panamá. Allein die drei mittelamerikanischen "Bananenrepubliken" Costa Rica, Honduras und Panamá vereinigen ein Drittel der Weltexporte auf sich.
Wie bei kaum einem anderen Produkt ist der Bananenweltmarkt von der Dominanz dreier US-Konzerne gepraegt:1) der Chiquita Brands Company (der beruehmt-beruechtigten United Fruit Company frueherer Jahre),
2) der Standard Fruit Company und
3) der Del Monte.
Waren die drei Lebensmittelkonzerne in frueheren Jahren und Jahrzehnten nicht nur in der Vermarktung, sondern auch in der Banenproduktion sehr stark vertreten, so laeßt sich seit einigen Jahren ihr freiwilliger Rueckzug aus dem Bananenanbau beobachten. Gruende dafür sind:
die wachsende Ueberproduktion;
die staendige Verteuerung der in großen Mengen benoetigten Insektizide und Duengemittel;
die staendigen natuerlichen Gefahren wie Wirbelstuerme und Ueber- schwemmungen in den Plantagengebieten oder Krankheiten der Pflanzen mit dem Resultat fallender Rentabilitaet;
die haeufigen Auseinandersetzungen mit den inzwischen gut organisierten Bananenarbeiter-Gewerkschaften.
Mit dem Rueckzug aus der mit hohen Kosten und vielen Unwaegbarkeiten behafteten Produktion haben die Konzerne ihre marktbeherrschende Stellung jedoch keineswegs aufgegeben. Die sog. unabhaengigen nationalen Produzenten sind nun ueberwiegend durch Vertraege an sie gebunden, geben ihre Fruechte zum Teil in Kommission an die Konzerne weiter, die ihnen nur die Menge bezahlen muessen, die sie verkaufen koennen oder wollen.
Die Konzerne haben also lediglich die großen Risiken der Produktion abgestoßen und sich auf den wesentlich profitableren Bereich der Vermarktung verlegt. Dies erlaubt ihnen eine groeßere Flexibilitaet beim An- und Verkauf der Fruechte, ein schnelleres Wechseln von Maerkten, Umstellungen im Produktsortiment, firmeninterne Vervielfaeltigungsstrategien, Kostenreduzierung und eine Maximierung der Gewinne. Folgerichtig ist ihr Anteil am Bananenweltmarkt in den letzten Jahren bestaendig gestiegen: Von etwa 45% Mitte der 60er Jahre auf derzeit zwischen 70 und 75%. Einzelne nationale Maerkte wie die USA oder die Schweiz kontrollieren sie bis zu 90%.
Nicht erhoeht aber hat sich in all den Jahren der Anteil, den die Produzentenlaender vom Export ihrer Fruechte erhalten: Von jeder verkauften Banane bleiben im Schnitt lediglich 15% im Anbauland, den großen Rest schoepfen auslaendische Unternehmen ab.
6. Anbaulaender das Beispiel Costa Rica
Bisher haben wir ueber die Pflanze und ihre Kulturgeschichte, ihren Anbau und ihre Vermarktung und über die Vorherrschaft dreier US-amerikanischer Konzerne im weltweiten Bananengeschaeft gesprochen. In einem naechsten Abschnitt wollen wir uns jetzt mit den Verhaeltnissen in den Anbaulaendern selbst beschaeftigen, mit ihrer Geschichte und mit ihrer aktuellen Situation. Als Beispiel haben wir das mittelamerikanische Costa Rica gewaehlt.
Die Geschichte des Bananenanbaus in Costa Rica ist eng mit dem bereits erwaehnten Mitgruender der United Fruit Company, Minor Keith, verbunden. Minor Keith unterstuetzte die costarikanische Regierung sowohl organisatorisch als auch finanziell beim Bau der ersten Eisenbahnlinie um 1870 an die Atlantikkueste und erhielt dafuer als Gegenleistung Landkonzessionen ueber 333.333 Hektar unberuehrtes Land und ein steuerfreies Nutzungsrecht ueber 20 Jahre. Der Einstieg in den Bananenanbau sorgte schon sehr frueh fuer eine einseitige Abhaengigkeit der costarikanischen Land- und Exportwirtschaft; so waren um 1930 etwa ein Drittel der landwirtschaftlich genutzten Flaeche in der Hand der United Fruit Company. Seit den 70er Jahren ist der Einfluß der United Fruit und heutigen Chiquita Brands in Costa Rica aber deutlich zugunsten der beiden anderen transnationalen Konzerne Standard Fruit und Del Monte zurueckgegangen, die 1994 jeweils 25 % des selbstproduzierten Exportvolumens auf sich vereinigten, waehrend Chiquita Brands lediglich 18 % trug.
Heute sind Bananen in Costa Rica der zweitwichtigste Devisenbringer nach dem Tourismus. 1994 waren Bananen mit 25 % Anteil wichtigstes Exportprodukt, und das jaehrliche Exportvolumen betraegt etwa eine halbe Milliarde US-Dollar. Immer noch haengen 10 % der wirtschaftlich aktiven Bevoelkerung direkt oder indirekt vom Bananenanbau ab, und immer noch ist ein Großteil der Plantagen im Besitz auslaendischer Gesellschaften.
Die Bananenmonokultur, wie man sie in Costa Rica beispielhaft antrifft, bringt große oekologische und soziale Schaeden mit sich. Abgesehen von der ungebremsten Abholzung selbst geschuetzter Gebiete ist vor allem der hohe Pestizideinsatz zu erwaehnen. 1990 beispielsweise wurden fuer 35 Millionen US-Dollar Pestizide nach Costa Rica importiert, und ein Drittel davon ging in den Bananenanbau. Insgesamt liegt die Nutzung von Pestiziden in Costa Rica etwa siebenmal haeher als im Weltdurchschnitt. Untersuchungen haben gezeigt, daß aufgrund der Pestizideinbringung in die Gewaesser bereits 90 % der atlantischen Kuestenriffe Costa Ricas abgestorben sind. Pestizide belasten aber nicht nur die Umwelt, sondern auch die Plantagenarbeiter, wie vor allem an dem folgenden Fall deutlich wird.Dibromchlorpropan wurde 1950 als Nematodenschutzmittel entwickelt und kam unter dem Namen Fumazon in den Handel. 1979 wurde das Mittel in den USA verboten, nachdem an Arbeitern Sterilitaets- und Krebssymptome festgestellt worden waren, durfte aber weiterhin in bestimmte Drittweltlaender exportiert werden. Im Verlauf der naechsten Jahre wurden in Costa Rica, wo unter anderem Standard Fruit dieses Mittel weiterverwendete, mehr als 2000 Faelle von Sterilitaet bei Plantagenarbeitern bekannt, und seitdem bedroht eine Prozesswelle die transnationalen Konzerne und die Hersteller des Pestizids, allerdings mit bisher eher geringem Erfolg.
Nachdem zunaechst einmal die Zustaendigkeitsfrage ueber mehr als sieben Jahre hinweg immer wieder diskutiert worden war, entschied 1990 das texanische Bundesgericht, daß der Fall vor einem texanischen Gericht verhandelt werden darf, ein erster Erfolg fuer die Plantagenarbeiter. Daraufhin bot Standard Fruit 1992 einen außergerichtlichen Vergleich in Hoehe von 20 Millionen US-Dollar an, eine auf den ersten Blick sehr hohe Summe, die sich jedoch anhand der angefallenen Anwaltskosten von 8 Millionen Dollar schnell relativiert. Zudem gehen Beobachter davon aus, daß Standard Fruit bei einer gerichtlichen Verurteilung ein Vielfaches des Betrages zahlen mueßte. Zur Zeit ist eine Musterklage von 16.000 Plantagenarbeitern aus 12 Laendern anhaengig.
Abgesehen von den gesundheitlichen Folgen ergab sich fuer die betroffenen Arbeiter ein großes soziales Problem, denn gerade in Costa Rica ist die Großfamilie mit mindestens 5 Kindern ein soziales Statussymbol. Viele Ehefrauen haben sich von ihren Maennern scheiden lassen, und so kann eine finanzielle Entschaedigung kaum das wiedergeben, was diese Maenner verloren haben.
7. Der Markt in der Bundesrepublik Deutschland
Was den Bananenkonsum betrifft, zaehlen die bundesdeutschen Verbraucher/-innen seit Jahren zur Weltspitze. Waren es im Nachkriegsjahr 1949 gerade einmal 14.000 Tonnen, so wurden 1989 mehr als 800.000 Tonnen Bananen importiert. Der durchschnittliche Bananenverbrauch pro Kopf betraegt mittlerweile 14 kg. Schweden, Oesterreich und die Schweiz liegen knapp darunter. Innerhalb der EU ist die Bundesrepublik Deutschland der bedeutendste Markt.
Die fuehrende Rolle im deutschen Fruchthandel spielt die Bremer SCIPIO-Gruppe mit (1989) 1,6 Milliarden DM Umsatz. Die groeßten Konkurrenten, die FRUECO etwa, die Fruechtehandelscompagnie Bruns GmbH, oder einzelne Fruchtring-Mitglieder, erzielen jeweils gerade ein Viertel der SCIPIO-Umsaetze. Zum SCIPIO-Konzern, der schon 1902 gegruendet wurde, gehoert im Fruchthandelssektor das komplette notwendige Logistiksystem: Ein Netz von Großhandelsniederlassungen, Bananenreifereien, Verpackstationen, Reedereien und eigene Speditionen. Im Non-Food-Bereich befaßt sich SCIPIO vor allem mit Im- und Export von Asbest, Kunststoff und Maschinen, Versicherungen, mit Bastelartikeln und Druckerzeugnissen.
Bananen vertreibt SCIPIO unter der Hausmarke "1 x 1", die zum Teil von unabhaengigen Produzenten in Costa Rica bezogen werden. Darueber hinaus hat SCIPIO (Verkauf 1989 pro Woche: ca. 400.000 Kisten Bananen) alle gaengigen Marken im Programm. Vor allem ist SCIPIO der wichtigste deutsche Chiquita-Vermarkter. Aber a propos Chiquita: Sowohl bezueglich des Umsatzes als auch in der Publikumsgunst hat diese sog. "Markenbanane" unter dem Slogan "Nenn nie Chiquita nur Banane!" ihre Mitkonkurrenten in der Bundesrepublik, zum Teil deutlich, auf die Plaetze verwiesen. Der Chiquita Brands-Anteil betraegt ca. 40%;
Branchenzweiter mit etwa 18% Marktanteil ist die Standard Fruit Company (Marke "Dole"). Del Monte haelt in der Bundesrepublik zwar nur einen Marktanteil von knapp 8%, dennoch konzentrieren die drei Multis zusammengenommen etwa 2/3 des Bananengeschaefts in ihren Haenden. Den Rest teilen sich die sog. "Zweite-Klasse-Bananen", vor allem "Turbana" aus Columbien, "Bonita" aus Ecuador und "Onkel Tuca", die aus Chiquita Brands-Plantagen stammt, wenn der Konzern seinen Bedarf an Chiquita gedeckt hat.
Viel Platz bleibt da nicht mehr für die anderen. Keine 2% etwa für Nicaragua, das seit seinem Auftreten auf dem europaeischen Markt in den wenigen Nischen ums Ueberleben kaempft.
8. EU-Marktordnung für Bananen
Am 1. Juli 1993 trat sie in Kraft, die "Gemeinsame Marktordnung Bananen" der Europaeischen Union. Die Verordnung sollte zunaechst sog. "Gemeinschaftsbananen" aus der EU schuetzen, das heißt Bananen aus Madeira, von den Kanarischen Inseln, aus Kreta oder von den franzoesischen Karibikinseln Martinique und Guadeloupe. Ebenso sollte sich der Schutz auf Bananen aus den sog. AKP-Staaten erstecken, d.h. den mit der Europaeischen Union verbundenen Laendern Afrikas, der Karibik und des Pazifik.
Umgekehrt schrieb die EU-Marktordnung eine nur quotierte, das heißt streng begrenzte Einfuhr von Bananen aus den lateinamerikanischen Produktionslaendern und Mindestzoelle vor. Betroffen davon waren davon vor allem Bananen aus Honduras, Ecuador, Guatemala und Mexico.
In den Laendern Lateinamerikas traf es vor allem die nationalen und die kleineren Produzenten, weniger die großen Bananen-Multis mit ihren vielfaeltigen Absatzstrategien. Zum Beispiel meint Joaquín Vasquez von der ecuadorianischen "Vereinigung der Bauernorganisationen":"Im Falle Ecuadors zeigen sich als negative Folgen der Verlust von 14.000 ha Bananenanbauflaeche und die daraus resultierende Arbeitslosigkeit von 60.000 Familien auf dem Land. Außerdem fungieren die Kleinproduzenten für die großen als Puffer. Deshalb gibt es eine starke Konkurrenz zwischen den Kleinproduzenten um die Zulieferung für die Multis. Dies fuehrt zu einer Verringerung der Bananenpreise und zu einer zunehmenden Verschuldung der Bauern gegenueber den Banken."
Diese Tendenz ist in allen bananenproduzierenden Laendern Sued- und Mittelamerikas festzustellen. Bis heute ist es zum Beispiel auch nicht gelungen, im Zuge der EU-Bananenmarktordnung soziale oder oekologische Mindeststandards festzuschreiben. Mehr noch: Im Mai diesen Jahres entschied die Welthandelsorganisation WTO aufgrund einer Klage der die Interessen der Bananenkonzerne vertretenden USA, daß die gesamte Ordnung die sog. "Dollar-Bananen" diskriminiere und zurueckgenommen werden muesse. Prompt feierte der Fruchthandel dies als "Sieg des Freihandels" und forderte die EU auf, den Schiedsspruch anzuerkennen.
Die Entscheidung stieß in Lateinamerika allerdings nicht nur auf Zustimmung. In Ecuador zum Beispiel, dem groeßten Produzenten der Region, wurde der Schiedsspruch zwiespaeltig aufgenommen. Die Hersteller wiesen darauf hin, daß eine Liberalisierung auch zu einer Preissenkung und zur "Verarmung der Pflanzer" fuehren koenne.
Die Bananengewerkschaften und Umweltgruppen sahen sich zumindest bis auf weiteres in ihren Hoffnungen enttaeuscht, die ausufernde "Bananisierung" Zentralamerikas stoppen und die Multis mit international vereinbarten sozialen und oekologischen Mindeststandards zu menschenwuerdigeren Geschaeftspraktiken veranlassen zu koennen. Die Organisation "BanaFair" im hessischen Gelnhausen, die fuer eine nachhaltige Bananenwirtschaft und einen fairen Handel eintritt, schreibt zu den entwicklungspoltischen Konsequenzen des Bananenstreits:"Die Erfahrungen mit der EU-Marktordnung sind zwiespaeltig. Kleinere Produzenten sind allerorten unter erheblichen Druck geraten, Grenzertragsstandorte mußten aufgegeben werden. Die Multis ziehen sich zunehmend aus der Produktion zurueck, kaufen stattdessen bei nationalen Pflanzern auf und konzentrieren sich auf das weitaus profitablere Handelsgeschaeft. In Lateinamerika muessen zehntausende Plantagenarbeiter/-innen unter dem Verweis auf verschaerfte Wettbewerbsbedingungen Einkommeneinbußen hinnehmen. Andererseits konnten die AKP-Produzenten, für die es zur Banane haeufig gar keine Alternative gibt, ihren Absatz mit Abstrichen halten. Zugleich ist die ausufernde 'Bananisierung' Mittelamerikas, gegen die sich Gewerkschaften und Basisorganisationen vor Ort lange vergebens gewehrt hatten, vorlaeufig zum Stillstand gekommen.
Die Bananen-Kampagne tritt daher fuer eine Reform und nicht die Abschaffung der EU-Marktordnung ein: nachhaltiger Anbau und fairer Handel beduerfen der gezielten Foerderung durch Handelspraeferenzen, kleine und mittlere Produzenten benoetigen einen verbesserten Marktzugang und soziale sowie oekologische Mindeststandards muessen endlich durchgesetzt werden. Schrankenloser Freihandel ist hierzu keine Alternative, hieße dies ja, auch noch die letzten Daemme gegen die flaechendeckende Ausbreitung der (neo-)kolonialen Bananenwirtschaft niederzureißen, die in Mittelamerika Schule gemacht hat."Es bleibt also noch viel zu tun, bis vielleicht fairere Produktions- und Handelsstrukturen in der Weltwirtschaft verzeichnet werden koennen. Dabei auf eine bloße Einsicht bei den Verantwortlichen in den multinationalen Konzernzentralen zu hoffen, ist sicherlich ein frommer, aber wohl wenig aussichtsreicher Wunsch. Gefordert ist von uns allen also Engagement, ein bewußtes Kaufverhalten und Druck, Druck und nochmals Druck auf die Vermarkter. Denn wie formuliert es doch ein Bananenarbeiter aus Costa Rica:
"Fluesse saeubern, Waelder wiederaufforsten, Tiere schuetzen alles ist wichtig, aber noch wichtiger ist es, wieder einen eigenen Weg gehen zu koennen, das Recht auf eine eigene Entwicklung zu erlangen. Wir moechten, daß unsere KInder ein Leben in Wuerde, Gesundheit und Freiheit haben koennen. Daher ruehrt unsere große Sorge."
In diesem Sinne verabschieden wir uns fuer heute mit einer weiteren unserer "Kolonialwarengeschichten". Wir hoffen, daß Ihr in der vergangenen Stunde ein klein wenig Neues erfahren habt, ein wenig nachdenklicher geworden seid und hoffentlich doch insgesamt etwas bewußter mit der naechsten und der übernaechsten und allen darauffolgenden Bananen umgeht.